Fürth

Die Halle der Ahnungslosen…

MATTHIAS (Flüchtlingslager „Höffner”, Fürth bei Nürnberg) Freitag 10.10.14, 11.00 Uhr: Als wir die Frankenschnellstraße verlassen, fällt uns sofort das Gebäude ins Auge und wir wissen, dass wir richtig sind. Das Möbelhaus, von sämtlichen Firmenlogos bereinigt, ragt als riesiger, weiß getünchter, fensterloser, von Bauzäunen und weißen Plastikplanen umgebener, monumentaler Betonwürfel vor uns auf. Wir wissen, dass das Gebäude, ein ehemaliges Möbelhaus der Firma Höffner, derzeit als Dependance der Erstaufnahmeeinrichtung Zirndorf genützt wird, dennoch sind wir sehr gespannt, was uns im Inneren erwarten wird. An der Pforte werden wir von einem blau gekleideten Sicherheitsmann in Empfang genommen und dürfen mit unserem Wohnmobil plus Begleitfahrzeug das Gelände befahren. Auf dem Parkplatz werden wir von der Fürther Sozialreferentin, Frau Elisabeth Reichert bereits erwartet und am Personaleingang haben sich zudem Herr Vogtherr und Frau Strauß von der Regierung von Mittelfranken und ein Herr der Sicherheitsfirma eingefunden. Wir betreten gemeinsam die gigantisch große Halle des Möbelhauses, deren vorderer Teil mit langen Reihen von Tischen und Stühlen im Stil einer Kantine bestückt ist. Der hintere Teil der Halle ist mit Bauzäunen und Plastikplanen abgetrennt, hier befinden sich die Wohnparzellen. Einige wenige Tische sind bevölkert. Vor einer Absperrkordel hat sich eine kleine Gruppe eingefunden, die geduldig auf die Essensausgabe wartet. Die Geräuschkulisse ist relativ laut, die Atmosphäre in der weitläufigen Halle wirkt auf uns entspannt. Wir nehmen an zwei zusammen geschobenen Tischen Platz und dürfen Fragen stellen. Hier einige Fakten.

Das Haus & die Betreuung

Das Möbelhaus wurde vom Besitzer kostenlos mit Mobiliar ausgestattet und zur Verfügung gestellt und konnte im September in Betrieb genommen werden. Lediglich die Nebenkosten müssen von der Regierung von Mittelfranken übernommen werden. Die Regierung übernimmt zudem die Kosten des Sicherheitsdienstes, des Caterings, und des Putzdienstes und nach anfänglichen Irritationen, von denen uns die Sozialreferentin berichtet, auch 90% der Kosten für die sozialpädagogische Betreuung. Die Nutzung ist vorerst auf ein halbes Jahr beschränkt, jedoch mit der Option auf ein weiteres halbes Jahr Verlängerung.

Die BewohnerInnen

Das Möbelhaus beherbergt derzeit etwa 480 Männer, Frauen und Kinder. Die Menschen werden direkt aus der Erstaufnahmestelle in Zirndorf hierher gebracht und müssen hier ausharren, bis sie ihre Registrierung durchlaufen haben und dann endgültig geklärt ist, wohin sie umverteilt werden. Das BAMF kommt jedoch aktuell mit der Registrierung der Neuankömmlinge nicht richtig voran. Ein Teil der BewohnerInnenschaft ist seit knapp einem Monat hier. Das Verfahren soll daher beschleunigt werden. Angedacht ist die Einrichtung einer mobilen Verwaltungsstelle, die vor Ort arbeiten könnte. Zudem soll sowohl das Personal des BAMF und des Fürther Gesundheitsamtes aufgestockt werden. Momentan kann die Registrierung jedoch ausschließlich in Zirndorf stattfinden, was einen enormen organisatorischen Aufwand bedeutet, weil die Flüchtlinge alle nach Zirndorf gebracht werden müssen.

Die Nachbarschaft

Wir interessieren uns natürlich dafür, wie die Bevölkerung die Flüchtlingsunterkunft aufgenommen hat. Laut Frau Reichert, war die Stimmung im benachbarten Ronhof anfangs von Angst und Unsicherheit geprägt. Die Unterkunft wurde in kürzester Zeit, innerhalb von zehn Tagen errichtet. Die Stadt Fürth hat deshalb eine Bürgerinfo erstellt und von der örtlichen freiwilligen Feuerwehr verteilen lassen und zu einer Infoveranstaltung geladen, an der über 80 Personen teilnahmen. Bei dieser Veranstaltung in einem Gasthof gab es überraschender Weise nur sehr wenige negative und kritische Beiträge und eine überwältigende Mehrheit erkundigte sich nach Unterstützungsmöglichkeiten. Zudem hat der Fürther Stadtrat ein gemeinsames Willkomensstatement verfasst.

Die Wohnverhältnisse

Die sanitären Einrichtungen, also Duschen und WCs, befinden sich in blauen Containern auf dem Außengelände. Mit Bauzäunen und Planen ist der Männer- vom Frauenbereich getrennt und die Container bieten nur ein absolutes Minimum an Privatsphäre. Sie sind insgesamt in einem leidlich guten Zustand, die Anzahl der Duschen könnte größer sein – so gibt es lediglich 12 Duschen für ca. 240 Frauen – und zu kritisieren wäre, dass der Weg zu den Sanitäranlagen ohne Dach ist.

Die mit den Bauzäunen und Planen abgetrennten Wohnparzellen sind relativ groß und mit hölzernen Stockbetten ausgestattet. Hier werden die Menschen in Familiengruppen und Herkunftsgruppen verteilt; es gibt auch Frauenbereiche. Besonders auffallend ist die enorme Geräuschkulisse. Man hört praktisch alles. Das Neondeckenlicht, das die nahezu fensterlose Halle ausleuchtet, wird um 22.00 Uhr gelöscht und um 8.00 Uhr morgens wieder angestellt. Die Eingänge sind mit Stoffbahnen abgehängt. Jede Parzelle ist mit einer Steckdosenleiste ausgestattet, damit die BewohnerInnen ihre Handys aufladen können. Als wir später mit Bewohnerinnen und Bewohnern sprechen können erfahren wir, dass der Lärmpegel das größte Problem ist. „Immer reden irgendwelche Leute laut, oder ein Kind schreit“, sagt einer von ihnen. Am Rande des Essensbereiches gibt es eine Kinderspielecke mit Spielgeräten und Teppichböden und eine kleine Theke mit Kaffee und Tee, an der sich die BewohnerInnen selbst bedienen können. Neben der Lärmbelastung beklagen sich einige BewohnerInnen auch über die hygienischen Verhältnisse und ihre Angst, sich hier mit diversen Krankheiten anzustecken.

Die Sozialbetreuung und der Sicherheitsdienst

Momentan gibt es zwei SozialpädagogInnen der Caritas, die halbtags im Höffner-Haus arbeiten. Noch im November wird das Team aber um zwei pädagogische Vollzeitkräfte verstärkt. Unterstützung erhält das Team durch eine Vielzahl ehrenamtlicher HelferInnen aus der Umgebung. Aktuell wird daran gearbeitet, Freizeitangebote für die BewohnerInnen zu ermöglichen. Auch die Zusammenarbeit zwischen Sozialberatung und Sicherheitsdienst wird von beiden Seiten als sehr gut bezeichnet. Auch die BewohnerInnen äußern sich auf Nachfrage positiv zu dem Personal. Sie beschweren sich eher über den schroffen Umgang, der in der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf herrscht.

Die Stimmung

Als wir endlich Zeit und Raum bekommen, uns länger mit den BewohnerInnen zu unterhalten, erfahren wir, dass viele darunter leiden, nicht zu wissen, wie es weitergeht und was mit ihnen passiert. Sie fühlen sich übergangen und einige erkundigen sich, warum denn manche bereits umverteilt werden, obwohl diese doch erst nach ihnen gekommen seien. Eine Gruppe syrischer Männer und Frauen ereifert sich: „Wir Syrer werden am schlechtesten behandelt, alle anderen kommen vor uns dran. Eine Frau beklagt sich, dass ihre Umverteilung nicht mehr weiter verfolgt wird, seitdem sie sich aus religiösen Gründen geweigert habe, ihre Ohren für ein Passfoto von ihrem Kopftuch zu befreien. Die allgemeine Unwissenheit drückt die Stimmung.

Fazit

Wir stellen fest, dass hier von allen Seiten sehr viel guter Wille gezeigt wird und Anstrengungen unternommen werden, um aus einer sehr chaotischen Gesamtsituation das den Umständen entsprechend Beste herauszuholen. Dennoch kann die Unterbringung von bis zu 500 Personen in dem stillgelegten Möbelhauses nur eine temporäre Notlösung sein, die möglichst bald beendet werden muss und sich auf keinen Fall zu einer festen Einrichtung entwickeln darf.

Als wir uns zu unseren Autos begeben, kommt ein Bus mit Neuankömmlingen aus Zirndorf. Eine größere Menschengruppe entsteigt dem Bus und geht Richtung Eingang. Der Busfahrer, Typ bärtiges Rumpelstilzchen, fängt an zu schreien: „Halt. nicht alle hier! Einige müssen doch in die Deutschherrenstraße!“ Die Gruppe ignoriert ihn und trottet weiter. Der Busfahrer ist resigniert und lässt die Gruppe ziehen und plärrt in Richtung Sicherheitspersonal: „Die in Zirndorf wissen doch selbst nicht mehr, wo sie die Leute hinschicken wollen. Heute hatte ich Syrer, Kosovo-Albaner, aber keine Zigeuner, denn mir wurde meine Tasche nicht geklaut”. Nachdem seine Äußerungen von Niemandem aufgenommen werden, besteigt er noch frustrierter seinen Bus und fährt davon.